The New Normal 2.0

Wir leben in aufregenden Zeiten – nach einem halben Jahr On-Off-Lockdown und zwei Winterwellen in Deutschland sind die Inzidenzen derzeit so niedrig, dass draußen alles Mögliche gelockert wird.
Während das für die Schulen zum Beispiel bedeutet, dass die einzig logische Schlussfolgerung „Zurück zum Regelunterricht in voller Klassenstärke” ist – haben viele andere Unternehmen und Branchen die seltene Gelegenheit, nicht zum alten Normalzustand zurückzukehren, sondern eine neue Normalität aktiv zu gestalten. Im New Work-Sprech wird das üblicherweise durchnummeriert, es ist also “Designing the New Normal 2.0”.
Dieser Zwischennormalzustand sollte zumindest bis zum Herbst gedacht werden – falls wieder eine Winterwelle kommt, wird dann der neue Winternormalzustand 2.0 etabliert und dann wird jedes Halbjahr die aktuelle Zwischennormalität gelauncht – One more thing.

Wie gestaltet man nun diesen neuen Normalzustand, wenn man eigentlich mit anderen Dingen beschäftigt ist und die Sehnsucht nach einfachen, schnellen Lösungen groß ist?
Ein paar Gedanken dazu.

Nur weil viele Dinge wieder erlaubt sind, heißt das nicht, dass sie getan werden müssen
Die zahlreichen Lockerungen erwecken den Eindruck, dass an einigen Stellen die Pandemie für beendet erklärt wurde. Distanzregeln werden aufgehoben, die Testpflicht fällt an einigen Stellen, die Außengastronomie ist offen, Arbeitgeberverbände fordern ein Ende der Homeofficepflicht. Dadurch entsteht ein gewisser Erwartungsdruck und vielleicht auch das Gefühl, an diesen Dingen teilnehmen zu müssen. Die gute Nachricht: Weder im Privat- noch im Berufsleben muss jetzt alles getan werden, nur weil es nicht mehr explizit verboten ist. Da längst nicht alle geimpft sind bzw. auch Impfen nicht vor Ansteckung und Weiterverbreitung schützt, ist es durchaus sinnvoll, bestimmte Schutzmaßnahmen weiter anzubieten, ohne es zu müssen.

Nicht alle Menschen sind im gleichen Maße bereit für Lockerungen
Menschen unterscheiden sich grundsätzlich in ihren Bedürfnissen, und selten wurde das so deutlich wie in dieser Pandemie. Bei Treffen im Büro und bei Veranstaltungen ist es daher sinnvoll, einen großen Handlungsspielraum anzubieten, der diesen unterschiedlichen Bedürfnissen ausreichend Raum gibt – und dennoch gemeinsame Zeit in Präsenz möglich macht. Eine niedrigschwellige Umsetzung sind zum Beispiel Armbänder in verschiedenen Farben, die unkompliziert zeigen, wieviel Nähe die Person aktuell angemessen findet.

Der neue Zwischennormalzustand lässt sich nicht Top-Down festlegen
Das ist aus vielen anderen Change-Prozessen bekannt: Veränderungen funktionieren nicht, wenn sie von oben angekündigt und durchgedrückt werden. Die nächste Phase der Zusammenarbeit sollte in Unternehmen gemeinsam entworfen und abgestimmt werden – je nach Unternehmensgröße bieten sich jetzt Workshops und Mitarbeiter:innenbefragungen an, um möglichst genau zu erfahren, was für die verschiedenen Personen jetzt wichtig ist und wie sich das in unterschiedlichen, flexiblen Arbeitsmodellen in eine gemeinsame Realität zusammenführen lässt. Wenn die Rückkehr ins Büro erzwungen wird, ohne überhaupt die Möglichkeit des hybriden Arbeitens zu erwähnen, kann es sein, dass das Büro aus anderen Gründen leer bleibt – weil die Mitarbeitenden sich kollektiv nach neuen Stellen umsehen.

In all dem liegt aber auch eins: Die Schönheit der Chance, gemeinsam eine neue Zwischennormalität zu entwerfen, die für alle Beteiligten besser ist als die alte.
Wann steht man schon mal an einem solchen Wendepunkt und hat die Gelegenheit, verschiedene Prozesse und Arbeitsabläufe neu aufzusetzen – ganz anders als alles, was „schon immer so gemacht wurde”.
Have you tried to turn your workplace off  – and on again? The time is now.

Wir brauchen das Büro doch mehr als gedacht.

Nach vielen Monaten im Home Office halte ich das immernoch für einen sehr guten Arbeitsort – nicht nur, weil es keine Glaswände gibt, oder weil man nicht im Großraum mit vielen anderen abgelenkt wird.
Mir fielen lange gar keine guten Gründe ein, wieso man überhaupt wieder in ein Büro zurückkehren sollte. Und dann war da doch etwas; nicht nur nach vielen Folgen der Serie Suits, die so viel im Büro spielte. Ich arbeite an Projekten mit Menschen, die ich noch nie getroffen habe – wir kennen uns nur per Telefon und Videokonferenzen. Technisch geht das einwandfrei, die Arbeit wird erledigt, aber etwas fehlt, und ich konnte lange nicht sagen, was eigentlich fehlt.

Wenn ich nur eine Sache benennen sollte, dann ist es Verbundenheit. Und die entstand früher im Büro eigentlich in all den Momenten, die nichts mit der Arbeit zu tun hatten. Beim gemeinsamen Mittagessen, bei Gesprächen in der Kaffeeküche, bei Weihnachtsfeiern und im Bierzelt (mit Kolleg:innen feuchtfröhlich auf Bierbänken stehen und singen: das wirkt wie eine Szene aus einem Film und nichts, was man selbst mal gemacht hat, aber es schaffte tatsächlich Nähe.)

Dass man die Kolleg:innen mochte, hatte einerseits mit dem Mere-Exposure-Effekt zu tun – wir bewerten Dinge positiver, mit denen wir häufig umgeben sind; es lag aber auch daran, dass man Menschen mit ihren ganzen Eigenheiten kennenlernte. Dass Kollegin D. vor dem ersten Kaffee nicht ansprechbar war und Kollege F. einen Hamster namens Klausi hatte, machte sie menschlicher. In Videokonferenzen lernt man sich auf diese Art und Weise einfach nicht kennen.
Dass man sich gut kannte und sich im Idealfall aufeinander verlassen konnte, wenn man mal Hilfe bei etwas brauchte – das zahlte sich nicht nur in Konfliktsituationen aus, es sorgte immer wieder für Austausch und brachte auch die Arbeit voran, weil ein gutes Team eben doch viel mehr zusammen erreicht als mehrere Einzelpersonen.

Es wird zur Zeit häufig darüber gesprochen, was in Schulen alles nachgeholt werden soll – für die Arbeitswelt gibt es dazu noch keinen richtigen Diskurs. Es steht die Frage im Raum, ob die Menschen überhaupt wieder in die Büros zurückkehren wollen, nachdem sie gemerkt haben, dass die Arbeit sich auch von zuhause sehr effektiv erledigen lässt und zwei Stunden Fahrtwege wegfallen.
Wenn Menschen also in die Büros zurückkehren sollten, dann nicht für die Arbeit selbst – sondern für alles andere.
Für den Zusammenhalt als Team. Für gemeinsam getrunkenen Kaffee, informellen Austausch, Gespräche über Haustiere und Hobbys.
Die Arbeitswelt braucht diese Verbundenheit mehr als bisher angenommen.

 

Hörgelflöz

Die Tage und Wochen rattern derzeit richtig durch wie ein Güterzug. Rattatatattttatttt.
Nichts hat eine Form mehr, ich weiß oft nicht, welcher Tag gerade ist, eigentlich auch egal, es unterscheidet sich nicht mehr groß im Außen, virtuelle Termine und To Dos setzen die einzigen Akzentuierungen. Man fühlt vielleicht noch das Wochenende kommen wie eine Welle, die mit voller Wucht anrollt, nicht unbedingt als freie Zeit, eher als die Abwesenheit von manchen Aufgaben und ein Hinwenden zu anderen Pflichten. Jede Woche voller und verrückter als die davor, jede Woche fühlt sich an, als wären drei Wochen in eine gepresst. Das scheinen gerade alle anderen zu haben; völlig egal, ob man Kinder zu homebeschoolen hat oder nicht, irgendwie haben alle gerade Güterzugwochen.

Ich schiebe Termine und Tasks im Kalender herum wie bei einem Tetris-Spiel, irgendwie geht alles Wichtige immer rein, aber es fehlt einer dieser langen Viererblöcke, der mal dafür sorgt, dass sich ein paar Reihen auflösen. Ich mache Platz für alles Wichtige, darunter auch die Menschen, die mir am Herzen liegen, oft schieben wir uns gegenseitig hin und her in unseren Kalendern, immer wieder schieben wir die Bausteine – und dann passt es nicht gut, wir fragen uns gegenseitig: Naja, so richtig passt es da nicht – wollen wir es auf wann anders verschieben? Aber eigentlich passt gerade nichts, es wird auch wann anders nicht besser passen, das ist jetzt einfach im Hörgelflöz so, also können wir es gleich dort lassen.
Das Warten auf Wannanders oder Danach lohnt sich nicht mehr.

In meinem Gehirn gibt es zu viele offene Browsertabs, zu viele Open Loops – aus irgendeinem Browsertab klingt plötzlich Musik, vielleicht ein Leierkasten, danach Is this the real life? Is this just fantasy? Caught in a landside, No escape from reality…
Die Gedankengreifzange, die die kleinen Gedanken aus dem riesigen Automaten mit den vielen verschiedenen Gedanken zieht, greift immer öfter ins Leere, wann immer ich einen angebrochenen Gedankengang irgendwo sehe, muss ich ihn aufschreiben, sonst ist er wieder blitzschnell weg. Das einzige Problem an diesen ganzen Notizen ist, dass man sich damit auch wieder befassen muss – einfach nur aufschreiben reicht nicht, man muss sich dann im Anschluss wieder dazu verhalten. Verhalten muss man sich eh immer die ganze Zeit.

Draußen schneit es, jetzt gerade; wir waren doch schon weiter, hatte ich gedacht, dazu eine Baustelle, Dauerbrummen, gegen beides hilft weder Noise Cancelling noch Weather Cancelling. Es gibt keinen Zettel, den man ausfüllen und irgendwo hinschicken kann:
Nehme heute an diesem Wetter nicht teil, wegen ganz starkem inneren Nein.
Ich bräuchte mal eine Veränderung, wahrscheinlich im Außen: irgendwo anders aus dem Fenster schauen; nicht digital, ich weiß, dass es die Windows Swap Seite gibt, das meine ich nicht.
Ich brauche eine Ortsveränderung, vielleicht so wie dieses „Urlaub”, das wir mal früher hatten, einfach einen anderen Ort im Drinnen und Draußen; dazu vielleicht ein anderes Wetter. Einen Abstand vom Alltägsflöz. Immerhin, das Wetter kommt vermutlich irgendwann, das kommt jedes Jahr, irgendwann um Ostern rum flippen die Bäume aus und knallen alles raus, was sie haben. Dann haben wir wenigstens Sönnenflöz.

Der Neue Normalzustand braucht mehr Lebensqualität

Wenn ich mir nur eine kollektive Herausforderung dieser Zeit aussuchen darf – there are so many – dann ist es genau dieses Gefühl, dass das Leben aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Wobei Leben ja relativ ist, wir können schließlich froh sein, wir sind am Leben, es geht uns vermutlich gut, wir könnten uns eigentlich nicht beklagen. Aber wir sind sehr erschöpft.
Das Leben besteht eigentlich nur noch aus Arbeit – Arbeitarbeit, Sorgearbeit, Hausarbeit – wieviel Haushalt man auf einmal hat, wenn man plötzlich viel wohnt und so viel da ist und Staub aufwirbelt und schon wieder eine Mahlzeit in der Home-Office-Kantine zubereitet. Und ja, ist doch schön, dass wir überhaupt im Home Office sein können, nicht alle haben diese Wahl, wer systemrelevant ist, muss sich ständig einem hohen Infektionsrisiko aussetzen, diese Menschen haben dann eben viel Außerhausarbeit und auch zu wenig Leben daneben.

Es fehlt uns allen die Perspektive – als ich neulich die blumigen, sehr komplizierten Lockerungspläne las, nach welchen Regeln gelockert werden sollte, wenn wir jemals unter die Inzidenz 35 kommen, habe ich kein Wort verstanden.  Und dann sah ich, dass wir den Kipp-Punkt bei der 60er-Inzidenz machen und es jetzt eh wieder hochgeht, in die dritte Welle. Wahrscheinlich kann man komplizierte Lockerungen versprechen, so viel man will – wenn wir da eh nicht hinkommen, ist es sowieso egal. Ein Konzept ohne konkreten Bezug zur Realität bleibt einfach ein bedrucktes Stück Papier. Vielleicht ist das schon der Wahlkampf in diesem Superwahljahr, jede*r darf etwas vorschlagen und nichts muss eingelöst werden.

Die Menschen sind erschöpft, deswegen soll jetzt losgelöst von den Inzidenzen einfach so munter gelockert werden, und daran sieht man, dass wir aus den ersten beiden Wellen nichts gelernt haben, denn dann sitzen wir einfach nur noch länger im Lockdown. Es ist schmerzhaft, dabei zuzusehen, wie wir uns nicht mal trauen, die NoCovid-Strategie aus anderen Ländern ernsthaft zu diskutieren und es mal zu probieren. (Der Australier Stephen Duckett, der die NoCovid-Strategie dort mit entwickelt hat, sagt: Fangt einfach an!)

In der Zwischenzeit machen wir mit allem so weiter wie bisher, es gibt ja keine Alternative. Wir sind gut im Weitermachen, wir halten durch. Manchmal werden kurz Karotten hochgehalten – „mehr Urlaubstage für Eltern”, dann ist die Karotte weg, wir können eh nirgends hin, wir brauchen keinen „Urlaub”, wenn wir dabei Homeschoolingarbeit und Hausarbeit und sowieso alles machen, nur drei Videokonferenzen und vierzig Emails weniger.

Die eigentliche Frage ist also: Wie können wir wieder mehr leben – wenn fast alles, was uns bisher Kraft gegeben hat und mit anderen Menschen und Aktivitäten zu tun hat, weiter nicht erlaubt ist und die Infektionen zu schnell hochtreiben würde?
Was einigen von uns am meisten fehlt, sind Begegnungen, Nähe, Kontakte miteinander, und auch das Wegkommen von unserem Alltag und den Orten, an denen wir ständig sind. Wir brauchen einander mehr, als wir uns jemals zuvor gebraucht haben.

Wir brauchen neue Konzepte zur Erholung in diesem Neuen Normalzustand – jemand sagte neulich den wahren Satz: „Manchmal muss man sich auch erst einmal regenerieren, bevor man sich erholen kann.” Wir brauchen eine Debatte um Erholung für alle und eine Pausenkultur – und zwar nicht erst für die Zeit „nach Corona, wenn wir wieder unser altes Leben führen können”, sondern genau jetzt, wenn das zweite Jahr der Pandemie beginnt und wir die Langstrecke noch weiter vor uns haben. Kein Satz hat mich so gestört wie das stetige „Bleiben Sie gesund!” in E-Mails, das war nett gemeint, aber der Imperativ hatte einen unangenehmen Nachgeschmack. Und deswegen kommen wir mit einem „Erhol dich endlich am Wochenende!” auch nicht weiter.

Wir brauchen eine breite Debatte darüber – in Politik, Gesellschaft, in den Sozialen Netzwerken, wir brauchen Unternehmen, Universitäten und verschiedene Organisationen, die mit Lösungen und Ideen um die Ecken kommen. Wir brauchen verschiedene, auch marginalisierte Stimmen, die nie gefragt werden und sowieso seit Jahren in den Diskursen vergessen werden. Wir brauchen nicht nur eine Lösung, sondern einen bunten Strauß an Maßnahmen, die jede*n mit einschließen und die verschiedenen Lebenssituationen mitdenken. Vielleicht würde den einen ein Bedingungsloses Grundeinkommen helfen – wann, wenn nicht jetzt, fragt Marcel Fratzscher bei zeit.de, anderen würde vielleicht eine Elternzeit mehr helfen, und wieder andere brauchen ganz andere Lösungen.

Jugendliche, Kinder, Menschen die allein leben; Menschen die andere Menschen pflegen, sie alle brauchen verschiedene Angebote, so dass sich jede*r wie aus einem Baukasten selbst etwas aussuchen kann. Jede*r braucht doch gerade was ganz anderes – nur brauchen wir alle ganz dringend etwas, das wir gerade nicht haben. Wirtschaftshilfen waren schön und wichtig – jetzt braucht es ein wenig Lebenshilfe, für uns alle.
Wir sollten nicht warten, bis wir alle so chronisch erschöpft sind, dass es wirklich nicht mehr geht – aus diesem Zustand herauszukommen, dauert ewig und manchen gelingt es nie.
Der Neue Normalzustand 2021 braucht mehr Lebensqualität für alle – und wie das aussehen kann, das sollten wir jetzt zusammen neu denken.

 

WORK IN PROGRESS – mein neuer Newsletter

Es ist soweit – ab Ende dieser kommenden Woche startet mein neuer Newsletter, WORK IN PROGRESS.  Eigentlich sollte er ganz anders heißen – aber wie das gerade mit all meinen Ideen ist, die eine Weile liegen bleiben, ändern sie sich beim Rumliegen und dann kommt etwas ganz Neues dabei raus. Das ist auch spannend – manche To Dos und Ideen erledigen sich von selbst, andere transformieren sich selbst – it’s a kind of magic. Vielleicht schreibe ich da ein Buch drüber – Die Kunst des Liegenlassens.

Bei WORK IN PROGRESS wird es neben WORK ganz viel um alles andere auch gehen, das mich gerade beschäftigt und umtreibt. Und das ist in diesem Jahr sehr viel. Denn jetzt – und eigentlich schon immer – ist alles work in progress. Es war einfach noch nie so sichtbar wie jetzt – Kontrolle ist in den meisten Fällen eine Illusion, und wenn man das erstmal versteht, geht’s eigentlich.

2021 ist alles im Werden – “The New Now”, das Ankommen in diesem dauerhaften Zwischenzustand. Und wir alle mittendrin. Mit unseren Plänen, Zielen und Wünschen.
Unseren Ideen, den alten Ideen und den neuen.
Irgendwo zwischen Trotzdem, Doch nicht oder Jetzt erst recht!

Die ganze Zeit sortiert sich das Leben stetig neu. Alles wird stetig neu verhandelt.
Menschliche Beziehungen und die Ausgestaltung dieser Beziehungen im Berufs- und Privatleben. Wie wir miteinander in Verbindung bleiben, wenn wir uns kaum noch sehen können.

Die Frage, wie digital Nähe entsteht und warum diese für menschliche Verbindungen so wichtig ist. Was wir in diesen Zeiten lernen, und wie wir unser Wissen effizient aus der Entfernung weiter geben können. Was wir jetzt noch planen können, wenn alles unklar ist – oder ob wir das mit dem Planen einfach lassen?

Es wird  eine bunte Mischung, once a week – a newsletter in progress.
Bei Interesse kann man sich hier zum Mitlesen anmelden.

Monotasking statt Multitasking

Vor Jahren habe ich dieses Buch von Gary Keller gelesen, der Titel klingt reißerisch, aber das müssen Titel in diesem Bereich auch (Gary Keller with Jay Papasan: The ONE Thing: The Surprising Simple Truth Behind Extraordinary Results) und es ist eins der Werke, zu denen ich immer und immer wieder zurück komme.

Die Grundfrage ist simpel und wiederholt sich: What’s the ONE thing you can do such that by doing it, everything else will become easier or unnecessary? – Boom. Was für eine Frage. Man muss das Buch auch nicht dringend lesen, aber diese Frage im Fragenwerkzeugkasten zu haben und sie ab und zu herauszuholen, das hilft wahnsinnig.

Die Antworten darauf werden je nach Lebensphase und Herausforderung variieren, vielleicht wird es lange dauern, darauf zu kommen, was jetzt eigentlich diese eine Sache sein kann. Vielleicht ist es auch eine Sache im Privatleben und eine Sache im Business. Aber gerade in diesen Pandemiezeiten, in denen wir alles auf einmal und das meiste davon zuhause machen sollen, Arbeiten-Kochen-Leben-Homeschooling-Betreuung-aber-Pausen-nicht-vergessen, diese Zeit verlangt uns mehr Multitasking ab, als wir bewerkstelligen können. Multitasking hat noch nie gut funktioniert, aber jetzt wird es so richtig deutlich.

Die Lösungen variieren je nach Anforderungsbereich. Wenn es daran hakt, zwischen dem Arbeiten und dem Homeschooling noch zu kochen, dann hilft vielleicht Meal Prep; vielleicht hilft aber auch der Anlauf, eine Therapiesitzung zu vereinbaren, weil die mentale Lage doch nicht mehr gut ist und es in alle Bereiche abstrahlt. Vielleicht fehlt im Leben eine neue Routine, mehr Kontakte zu Freund*innen, oder feste Termine, die dem Alltag mehr Struktur geben
Im Arbeitsbereich ist es vielleicht ein neues Ablagesystem, oder eine Prozessverschönerung – have you tried to turn it off and on again? Vielleicht sollten Aufgaben aber auch neu verteilt werden, das Wissensmanagement optimiert oder neue Wege gefunden werden, wie sich die Mitarbeitenden in Fernarbeitszeiten besser miteinander austauschen können.

Was auch immer es ist: Diese Frage hilft, dorthin zu gehen, wo es gerade weh tut, wo es gerade nicht läuft, wo wir auf der Stelle treten oder einfach nicht das erreichen, was wir gerne erreichen würden. Anstatt dann ganz, ganz viel auf einmal zu machen und alles nur halbgar zu erledigen, hilft es, sich stark zu fokussieren. Was ist die eine Sache, die ich tun kann, die dafür sorgt, dass alles andere einfacher oder unnötig wird? Ich selbst fange mit Nachdenken an.

 

Professionelle Planung für multiple Zukünfte

Die Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim hat auf ihrem YouTube-Kanal mailab ein neues 20 Minuten-Video geteilt, in dem sie erklärt, wie Corona endet. (Wichtig: Nicht wann genau die Pandemie endet, denn das hängt von sehr vielen weiteren Faktoren ab.)
Das ist sehr gut investierte Zeit:

Es gibt noch einige Unvorhersehbarkeiten – unter anderem durch die neuen Varianten, aber auch ein paar andere Faktoren können für Überraschungen auf dem Weg ins Ziel sorgen.

Was kann man aber daraus jetzt schon lernen?
Die Pandemie dauert mit Sicherheit noch eine ganze Weile; und der Zeitpunkt, an dem die Risikogruppen durchgeimpft sind, wird nicht zu einem „normalen Leben für alle” zurück führen.
Mit einem Blick auf das bisherige Pandemie-Management in Deutschland lässt sich annehmen, dass es noch weitere Wellen und Lockdowns geben kann – abhängig davon, ob zu früh gelockert wird oder ob es dann tragfähige Sicherheitskonzepte gibt, zum Beispiel durch breite Testangebote und Luftfilteranlagen. Ansonsten gibt es eben „The Hammer and the Dance”, wie schon im letzten März von Tomas Pueyo beschrieben (hier in einer deutschen Übersetzung zu lesen).

Wie entwickelt man Strategien und langfristige Planungen in unsicheren Zeiten?
Verschiedene Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft ließen zuletzt in den Medien Sätze verlauten wie „Wir können noch nicht wissen, wie die Lage ab kommenden Montag ist und was dann gilt.” oder „Wir fahren alle nur auf Sicht!”
Während das in den ersten Monaten der Pandemie durchaus verständlich war, weil zu viele Faktoren unbekannt waren, kann das nach fast einem Jahr in der Pandemie keine professionelle Strategie mehr sein. Magisches Wunschdenken auf eine schnelle Wunderheilung hilft nicht weiter. Die Pandemie geht so schnell nirgendwohin – und solange nicht eben der größte Teil der Bevölkerung immun ist bzw. dabei auch nicht mehr ansteckend für andere (siehe Video oben, das Konzept der sterilisierenden Immunität), werden z.B. große Menschenmengen und zahlreiche Kontakte im Beruf, Bildungsbereich und im Privatleben ohne multiple Sicherheitsvorkehrungen (Tests, Luftfilter, Medizinische Masken, Abstand, Hygiene etc.) nicht machbar sein oder eben zur dritten, vierten, fünften Welle und den entsprechenden Folgen führen.

Eine professionelle Planung bedeutet, für diese Faktenlage verschiedene mögliche Szenarien zu entwickeln und dabei auch die inneren und äußeren Faktoren einzubeziehen, die einem wirklich nicht gefallen. Dabei geht es nicht darum, nur Worst Case Szenarien durchzuspielen, aber natürlich: ein paar Worst Cases mal klar aufzuschreiben, durchzudenken und darauf basierend Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, um die eigene Organisation für diese verschiedenen Zukünfte sicher aufzustellen: das ist immer sinnvoll. Prepare for the worst and work towards the best outcome.

Eine Perspektive entwickeln – und Kraft für den langen Weg dorthin
Was mit dem Blick auf die Langstrecke auch wichtig wird, ist nicht nur, mehrere Szenarien und Perspektiven zu entwickeln – sondern die Anderen in der Organisation mit auf den langen Weg dorthin zu nehmen. Gerade geht allen irgendwie die Puste aus, und dabei ist erst Januar.
Es fehlt an Mut, Kraft, Hoffnung und gemeinsamen Zielen.
Neben der strategischen Planung an sich ist also auch wichtig, sich mit dem Drumherum zu beschäftigen: Wie halten wir so lange durch? Welche Maßnahmen heben die Stimmung?
Wie können wir unseren Mitarbeitenden im Lockdown helfen? Was brauchen sie einerseits, um gut und gesund von zu Hause arbeiten zu können (Stichworte: Ausstattung, Fortbildungen und Unterstützung) und was brauchen sie andererseits, um sich von der Arbeit zu erholen? (z.B. können bisherige Gesundheitsangebote wie eine Mitgliedschaft im Sportstudio in digitale Angebote umgewandelt werden; aber auch professionelle Supervision oder der kostenlose Zugang zu digitalen therapeutischen Angeboten können hilfreich sein.)

Führung bedeutet auch Fürsorge – nicht nur, weil es im Arbeitsschutzgesetz steht und es eine Fürsorgepflicht gibt, sondern weil Organisationen von Menschen getragen werden, und nicht von Maschinen. In Zeiten der Pandemie und der Distanzarbeit wird das nicht zur Nebensache, sondern so wichtig wie noch nie.

 

Zurück zur Produktivität

Es gab mal Zeiten, in denen Arbeitszeit deutlich produktiver war. Ich bin nicht sicher, welche Version von Arbeit die New-Work-Consultants da gerade verkauft haben – vielleicht Work 2.0 oder Work 4.0 – aber es gab zumindest teilweise ein gemeinsames Verständnis darüber, dass zahlreiche Meetings die Menschen eher von der Arbeit abhalten als die Produktivität zu befördern. Der dazu gehörige Satz lautet: “This could have been an email.”
Dabei ist Produktivität nicht unbedingt als Wir-steigern-das-Bruttosozialprodukt-Produktivität zu verstehen, sondern vielmehr als ein Zustand, in dem Menschen ihren Tätigkeiten nachgehen können und in den sogenannten Flow kommen, ohne dabei minütlich unterbrochen zu werden oder in stundenlangen, ergebnislosen Sitzungen ihre Zeit zu verschwenden.

Fast forward: Zehn Monate Pandemie, eine Art New Normal – und ein stetiger Begleiter dieser neuen Arbeitswelt sind zahlreiche Videokonferenzen – digitale Präsenzmeetings, in denen alle Beteiligten zeitgleich vor den Bildschirmen sitzen und anwesend sein sollen.
Das kann für manche Arten von Arbeit sinnvoll und wichtig sein – und ein paar wenige Videokonferenzen sind es vermutlich in allen Bereichen. Aber – Hand aufs Herz – zahlreiche Videokonferenzen sind mehr oder weniger Zeitverschwendung für alle Beteiligten, und könnten eben auch eine Email sein oder als eine andere Art der digitalen Zusammenarbeit asynchron stattfinden.

Dabei spielen auch die Anzahl und die Dauer der Videokonferenzen eine wichtige Rolle – und auch die Taktung. Während eine Videokonferenz am Tag leicht zu verkraften ist, sind vier Stunden Videokonferenz über den Tag verteilt, oder noch schlimmer hintereinander am Stück eher hinderlich für die Konzentration.
Wahrscheinlich würden sich die meisten Menschen darauf besinnen, dass vier Stunden Fernsehen am Stück einen negativen Einfluss auf die Konzentration und das körperliche Wohlbefinden haben – aber das stundenlange Starren auf einen viel kleineren Bildschirm in geringerem Abstand scheint kein Problem zu sein.

Und während für Kinder und Jugendliche außerhalb der Pandemie oft eingeschränkte Bildschirmzeiten galten für Tablet, Fernseher und Handy, finden jetzt teilweise zahlreiche stundenlange Videokonferenzen der Schule hintereinander statt und die jungen Menschen haben daran teilzunehmen. Junge Menschen finden hier oft ihre eigenen Lösungen – während die eine sich ganz starr verhält und so tut, als sei das Bild eingefroren, hat der andere leider „eine schlechte Verbindung und Computerprobleme”, so dass manche Videokonferenzen früher verlassen werden.

Aber es geht auch anders – vor allem dann, wenn wir selbst diejenigen sind, die andere zu Videokonferenzen einladen. Wenn wir diejenigen sind, die kein oder nur wenig Mitspracherecht über die Ausgestaltung der Arbeit haben, erfordert es etwas Mut, aber Feedback geben kann man ja trotzdem.

Hier ein paar Lösungsmöglichkeiten:

Den Anlass des Treffens betrachten und die richtige Form der Zusammenarbeit wählen
Was soll bei dem Meeting passieren? Welche Arten der Informationen sollen ausgetauscht werden? Welche Beteiligten sollten dabei wirklich dabei sein? Diese Fragen liefern wichtige Anhaltspunkte für die Form des Austauschs. Wenn eine Videokonferenz nicht wirklich nötig ist – dann gilt es, eine geeignete andere Form der digitalen Zusammenarbeit zu finden.

Andere Formen der digitalen Zusammenarbeit etablieren
Wenn die Mitarbeitenden zum Beispiel jeden Morgen gebrieft werden sollen, kann man ein Morgenbriefing einführen – per Mail, oder an einem Dashboard im gemeinsamen Arbeitstool. Wenn es darum geht, gemeinsam Projekte zu bearbeiten, kann man die Arbeitsstände in einem gemeinsamen Projektmanagement-Tool sichtbar machen. Wenn es darum geht, gemeinsam an einem Text oder einer Idee zu arbeiten, kann man die Arbeit in einem kollaborativen Tool wie z.B. einem Padlet organisieren. Wenn klar ist, was genau getan werden soll, wird klarer, wie und wo das mehr Sinn macht als in einer Videokonferenz – denn für die meisten Arbeitsvorgänge gibt es schon gute Tools, teilweise auch kostenlos für kleine Unternehmen.

Die Dauer der Videokonferenz verkürzen
Wenn sich Videokonferenzen gar nicht vermeiden lassen, kann man sie verkürzen. Genau wie manche „Standup-Meetings” im Stehen durchgeführt werden, damit das Meeting schnell wieder vorbei ist, können auch Videokonferenzen nur 10 oder 15 Minuten dauern, so dass die notwendigen Informationen schnell besprochen werden und alle wieder weiter machen können.

Das Videomeeting klar strukturieren und leiten
Jedes gute Meeting profitiert von einer klaren Struktur und einer gezielten Führung. Dazu hilft eine Agenda im Vorfeld – was soll besprochen werden? Was ist dafür vorzubereiten? Welche Informationen sollen ausgetauscht werden und dafür schnell parat sein? Wenn das im Vorfeld allen Beteiligten klar ist, kann eine professionelle Moderation während der Videokonferenz für einen klaren Ablauf sorgen und eine angekündigte Begrenzung der Redezeit kann ebenfalls hilfreich sein, um die Dauer der Videokonferenz zu verkürzen.

Es geht immer anders – und gerade im New Normal könnte einiges besser werden als vorher.

 

Emotional beweglich bleiben

In fast allen Gesprächen, die ich beruflich oder privat derzeit führe, gibt es ein wiederkehrendes Thema: Veränderungen und wie man dorthin auf den Weg kommt.
Manche sind schon auf dem Weg, andere würden gerne von der Stelle kommen, sind aber noch nicht soweit – und wieder und wieder empfehle ich dieses Buch von Susan David, das es auf Englisch und Deutsch gibt.

Der Untertitel passt hier gut – Get Unstuck, Embrace Change and Thrive in Work and Life.
Tatsächlich ist es erstmal nicht so wichtig, in welchem Bereich man gerade feststeckt, denn die Methoden beziehen sich auf die innere Arbeit, und sie helfen oft in verschiedenen Lebensbereichen.
Eine Blockade in einem Bereich kann in alle anderen Bereiche abstrahlen – aber im Gegensatz dazu kann Persönlichkeitsentwicklung und Arbeit an einigen Themen wiederum alle anderen Gebiete positiv beeinflussen. In unserem Inneren gibt es ja keine Work-Life-Trennung; wir bringen unsere Themen, Herausforderungen, Gedanken und Gefühle in alle Bereichen mit, auch wenn sich das unterschiedlich auswirken kann.

In dem Buch – das ich hier nicht kurz gefasst angemessen beschreiben kann – zeigt die Psychologin Susan David aufbauend auf vielen wissenschaftlichen Studien und Erkenntnissen, wie Menschen besser mit verschiedenen Herausforderungen umgehen können. Denn es geht ja nicht darum, keine Krisen oder Herausforderungen zu erleben – in Zeiten wie diesen wird das besonders klar – sondern verschiedene Werkzeuge und Methoden zur Verfügung zu haben, um Herausforderungen besser bewältigen zu können.

Für wen ist das gerade hilfreich?
Für alle, die gerade entweder mitten in einer Krise stecken (also: eigentlich wir alle, global betrachtet) oder die gerade den Rock-Bottom-Moment der Krise hinter sich haben, aber noch nicht so ganz auf dem Weg sind.
Und für Menschen, die ihren emotionalen Werkzeugkasten für alle zukünftigen Herausforderungen erweitern möchten.

Das Buch von Susan David ist auf Englisch mit dem Titel “Emotional Agility – Get Unstuck, Embrace Change, and Thrive in Work and Life” bei Penguin Life erschienen*; auf Deutsch heißt es “Emotionale Beweglichkeit – Für freie Entfaltung mit klarem Blick und offenem Geist”*; erschienen beim Unimedica Verlag.
Beide Bücher sind im Lokalen Buchhandel erhältlich – oder online bestellbar z.B. in der Buchhandlung meines Vertrauens, Unser Buchladen* in der Weltstadt Mössingen.

*Unbezahlte Werbung, da Empfehlungen.
Ich empfehle nur Bücher und Dinge, von denen ich wirklich selbst überzeugt bin.