Hörgelflöz

Die Tage und Wochen rattern derzeit richtig durch wie ein Güterzug. Rattatatattttatttt.
Nichts hat eine Form mehr, ich weiß oft nicht, welcher Tag gerade ist, eigentlich auch egal, es unterscheidet sich nicht mehr groß im Außen, virtuelle Termine und To Dos setzen die einzigen Akzentuierungen. Man fühlt vielleicht noch das Wochenende kommen wie eine Welle, die mit voller Wucht anrollt, nicht unbedingt als freie Zeit, eher als die Abwesenheit von manchen Aufgaben und ein Hinwenden zu anderen Pflichten. Jede Woche voller und verrückter als die davor, jede Woche fühlt sich an, als wären drei Wochen in eine gepresst. Das scheinen gerade alle anderen zu haben; völlig egal, ob man Kinder zu homebeschoolen hat oder nicht, irgendwie haben alle gerade Güterzugwochen.

Ich schiebe Termine und Tasks im Kalender herum wie bei einem Tetris-Spiel, irgendwie geht alles Wichtige immer rein, aber es fehlt einer dieser langen Viererblöcke, der mal dafür sorgt, dass sich ein paar Reihen auflösen. Ich mache Platz für alles Wichtige, darunter auch die Menschen, die mir am Herzen liegen, oft schieben wir uns gegenseitig hin und her in unseren Kalendern, immer wieder schieben wir die Bausteine – und dann passt es nicht gut, wir fragen uns gegenseitig: Naja, so richtig passt es da nicht – wollen wir es auf wann anders verschieben? Aber eigentlich passt gerade nichts, es wird auch wann anders nicht besser passen, das ist jetzt einfach im Hörgelflöz so, also können wir es gleich dort lassen.
Das Warten auf Wannanders oder Danach lohnt sich nicht mehr.

In meinem Gehirn gibt es zu viele offene Browsertabs, zu viele Open Loops – aus irgendeinem Browsertab klingt plötzlich Musik, vielleicht ein Leierkasten, danach Is this the real life? Is this just fantasy? Caught in a landside, No escape from reality…
Die Gedankengreifzange, die die kleinen Gedanken aus dem riesigen Automaten mit den vielen verschiedenen Gedanken zieht, greift immer öfter ins Leere, wann immer ich einen angebrochenen Gedankengang irgendwo sehe, muss ich ihn aufschreiben, sonst ist er wieder blitzschnell weg. Das einzige Problem an diesen ganzen Notizen ist, dass man sich damit auch wieder befassen muss – einfach nur aufschreiben reicht nicht, man muss sich dann im Anschluss wieder dazu verhalten. Verhalten muss man sich eh immer die ganze Zeit.

Draußen schneit es, jetzt gerade; wir waren doch schon weiter, hatte ich gedacht, dazu eine Baustelle, Dauerbrummen, gegen beides hilft weder Noise Cancelling noch Weather Cancelling. Es gibt keinen Zettel, den man ausfüllen und irgendwo hinschicken kann:
Nehme heute an diesem Wetter nicht teil, wegen ganz starkem inneren Nein.
Ich bräuchte mal eine Veränderung, wahrscheinlich im Außen: irgendwo anders aus dem Fenster schauen; nicht digital, ich weiß, dass es die Windows Swap Seite gibt, das meine ich nicht.
Ich brauche eine Ortsveränderung, vielleicht so wie dieses „Urlaub”, das wir mal früher hatten, einfach einen anderen Ort im Drinnen und Draußen; dazu vielleicht ein anderes Wetter. Einen Abstand vom Alltägsflöz. Immerhin, das Wetter kommt vermutlich irgendwann, das kommt jedes Jahr, irgendwann um Ostern rum flippen die Bäume aus und knallen alles raus, was sie haben. Dann haben wir wenigstens Sönnenflöz.

WORK IN PROGRESS – mein neuer Newsletter

Es ist soweit – ab Ende dieser kommenden Woche startet mein neuer Newsletter, WORK IN PROGRESS.  Eigentlich sollte er ganz anders heißen – aber wie das gerade mit all meinen Ideen ist, die eine Weile liegen bleiben, ändern sie sich beim Rumliegen und dann kommt etwas ganz Neues dabei raus. Das ist auch spannend – manche To Dos und Ideen erledigen sich von selbst, andere transformieren sich selbst – it’s a kind of magic. Vielleicht schreibe ich da ein Buch drüber – Die Kunst des Liegenlassens.

Bei WORK IN PROGRESS wird es neben WORK ganz viel um alles andere auch gehen, das mich gerade beschäftigt und umtreibt. Und das ist in diesem Jahr sehr viel. Denn jetzt – und eigentlich schon immer – ist alles work in progress. Es war einfach noch nie so sichtbar wie jetzt – Kontrolle ist in den meisten Fällen eine Illusion, und wenn man das erstmal versteht, geht’s eigentlich.

2021 ist alles im Werden – “The New Now”, das Ankommen in diesem dauerhaften Zwischenzustand. Und wir alle mittendrin. Mit unseren Plänen, Zielen und Wünschen.
Unseren Ideen, den alten Ideen und den neuen.
Irgendwo zwischen Trotzdem, Doch nicht oder Jetzt erst recht!

Die ganze Zeit sortiert sich das Leben stetig neu. Alles wird stetig neu verhandelt.
Menschliche Beziehungen und die Ausgestaltung dieser Beziehungen im Berufs- und Privatleben. Wie wir miteinander in Verbindung bleiben, wenn wir uns kaum noch sehen können.

Die Frage, wie digital Nähe entsteht und warum diese für menschliche Verbindungen so wichtig ist. Was wir in diesen Zeiten lernen, und wie wir unser Wissen effizient aus der Entfernung weiter geben können. Was wir jetzt noch planen können, wenn alles unklar ist – oder ob wir das mit dem Planen einfach lassen?

Es wird  eine bunte Mischung, once a week – a newsletter in progress.
Bei Interesse kann man sich hier zum Mitlesen anmelden.

Professionelle Planung für multiple Zukünfte

Die Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim hat auf ihrem YouTube-Kanal mailab ein neues 20 Minuten-Video geteilt, in dem sie erklärt, wie Corona endet. (Wichtig: Nicht wann genau die Pandemie endet, denn das hängt von sehr vielen weiteren Faktoren ab.)
Das ist sehr gut investierte Zeit:

Es gibt noch einige Unvorhersehbarkeiten – unter anderem durch die neuen Varianten, aber auch ein paar andere Faktoren können für Überraschungen auf dem Weg ins Ziel sorgen.

Was kann man aber daraus jetzt schon lernen?
Die Pandemie dauert mit Sicherheit noch eine ganze Weile; und der Zeitpunkt, an dem die Risikogruppen durchgeimpft sind, wird nicht zu einem „normalen Leben für alle” zurück führen.
Mit einem Blick auf das bisherige Pandemie-Management in Deutschland lässt sich annehmen, dass es noch weitere Wellen und Lockdowns geben kann – abhängig davon, ob zu früh gelockert wird oder ob es dann tragfähige Sicherheitskonzepte gibt, zum Beispiel durch breite Testangebote und Luftfilteranlagen. Ansonsten gibt es eben „The Hammer and the Dance”, wie schon im letzten März von Tomas Pueyo beschrieben (hier in einer deutschen Übersetzung zu lesen).

Wie entwickelt man Strategien und langfristige Planungen in unsicheren Zeiten?
Verschiedene Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft ließen zuletzt in den Medien Sätze verlauten wie „Wir können noch nicht wissen, wie die Lage ab kommenden Montag ist und was dann gilt.” oder „Wir fahren alle nur auf Sicht!”
Während das in den ersten Monaten der Pandemie durchaus verständlich war, weil zu viele Faktoren unbekannt waren, kann das nach fast einem Jahr in der Pandemie keine professionelle Strategie mehr sein. Magisches Wunschdenken auf eine schnelle Wunderheilung hilft nicht weiter. Die Pandemie geht so schnell nirgendwohin – und solange nicht eben der größte Teil der Bevölkerung immun ist bzw. dabei auch nicht mehr ansteckend für andere (siehe Video oben, das Konzept der sterilisierenden Immunität), werden z.B. große Menschenmengen und zahlreiche Kontakte im Beruf, Bildungsbereich und im Privatleben ohne multiple Sicherheitsvorkehrungen (Tests, Luftfilter, Medizinische Masken, Abstand, Hygiene etc.) nicht machbar sein oder eben zur dritten, vierten, fünften Welle und den entsprechenden Folgen führen.

Eine professionelle Planung bedeutet, für diese Faktenlage verschiedene mögliche Szenarien zu entwickeln und dabei auch die inneren und äußeren Faktoren einzubeziehen, die einem wirklich nicht gefallen. Dabei geht es nicht darum, nur Worst Case Szenarien durchzuspielen, aber natürlich: ein paar Worst Cases mal klar aufzuschreiben, durchzudenken und darauf basierend Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, um die eigene Organisation für diese verschiedenen Zukünfte sicher aufzustellen: das ist immer sinnvoll. Prepare for the worst and work towards the best outcome.

Eine Perspektive entwickeln – und Kraft für den langen Weg dorthin
Was mit dem Blick auf die Langstrecke auch wichtig wird, ist nicht nur, mehrere Szenarien und Perspektiven zu entwickeln – sondern die Anderen in der Organisation mit auf den langen Weg dorthin zu nehmen. Gerade geht allen irgendwie die Puste aus, und dabei ist erst Januar.
Es fehlt an Mut, Kraft, Hoffnung und gemeinsamen Zielen.
Neben der strategischen Planung an sich ist also auch wichtig, sich mit dem Drumherum zu beschäftigen: Wie halten wir so lange durch? Welche Maßnahmen heben die Stimmung?
Wie können wir unseren Mitarbeitenden im Lockdown helfen? Was brauchen sie einerseits, um gut und gesund von zu Hause arbeiten zu können (Stichworte: Ausstattung, Fortbildungen und Unterstützung) und was brauchen sie andererseits, um sich von der Arbeit zu erholen? (z.B. können bisherige Gesundheitsangebote wie eine Mitgliedschaft im Sportstudio in digitale Angebote umgewandelt werden; aber auch professionelle Supervision oder der kostenlose Zugang zu digitalen therapeutischen Angeboten können hilfreich sein.)

Führung bedeutet auch Fürsorge – nicht nur, weil es im Arbeitsschutzgesetz steht und es eine Fürsorgepflicht gibt, sondern weil Organisationen von Menschen getragen werden, und nicht von Maschinen. In Zeiten der Pandemie und der Distanzarbeit wird das nicht zur Nebensache, sondern so wichtig wie noch nie.

 

2021: A Year in Progress

Magnolie in voller Blüte

Dieses Jahr ändert sich vieles – in meinem Leben, und der Welt. Ich mache keine „guten Vorsätze” für das neue Jahr, davon halte ich wenig – aber ich mag gerne Leitmotive oder einen bestimmten Satz, der die Richtung vorgibt. Zu Beginn des Jahres hatte ich dieses Motto noch nicht parat, und das passt – denn 2021 steht unter dem Motto in progress.  Mitten in der Entwicklung, manches noch nicht ganz fertig, vieles noch im Werden, vieles im Zwischenzustand.

In anderen Jahren hätte ich gewartet, bis alles fertig ist – dieses Jahr nicht, denn ich teile auch das Werden, das Wachsen, die Lernprozesse. Ich habe vor 20 Jahren angefangen, viel im Netz zu schreiben und zu publizieren – so oft hat sich dieses Schreiben gewandelt, so viel ist daraus entstanden. In den letzten Jahren habe ich nicht öffentlich geschrieben, sondern halb-öffentlich in einem Newsletter. Das hatte gute Gründe, aber auch das hat sich wieder alles geändert.

Ich fange also neu an, mit diesem Blog – das Leitmotiv wird Leadership. (Was ich darunter verstehe, steht hier.) Das Layout wird sich mehrmals ändern, das Theme, die Bilder – das ist noch nicht fertig; aber ich warte nicht, bis es perfekt ist – ich schraube einfach daran herum, am lebenden Objekt. Manchmal merkt man auch erst nach einer Weile, warum etwas funktional ist, und das eher im Prozess der Nutzung, als in der reinen Planung.
Anke Gröners Blog trägt das Motto Blog like nobody’s watching  – und zu diesem Gefühl schreibe ich mich wieder zurück, im Wissen, dass andere zuschauen, und es dennoch okay ist, dass sich alles wandelt und das Bild da noch nicht perfekt ist und mir die Farbe dort noch nicht final gefällt.

Diese Seite trägt den Untertitel The Art of Noticing – Ein Raum für Beobachtungen und Inspiration, denn das ist der Weg, den diese Seite einschlagen wird. Es wird um Dinge gehen, die mich selbst sehr interessieren. Konzepte, die mir selbst sehr geholfen haben. Menschen, von denen ich selbst viel gelernt habe. Bücher, die mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben haben. Sätze, die ich nicht vergessen kann, und zu denen ich immer wieder zurück komme. Und alles, was mir sonst gerade wichtig erscheint, oder was ich gerade thematisieren will. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit anderen Themen beschäftige, aber hier liegt der Fokus ganz klar auf der Frage: Was habe ich daraus gelernt? Was können andere für sich daraus lernen? Warum ist das für mich – und vielleicht auch für andere interessant?

We often teach best what we need to learn the most. Das ist einer dieser Sätze, zu dem ich immer wieder zurück komme, denn er ist wahnsinnig wahr. Lernprozesse sind nicht immer linear, vor allem dann nicht, wenn sie nicht extrinsisch motiviert sind, sondern aus dem Lebensweg und den eigenen Herausforderungen selbst entstehen. Dabei müssen diese Phasen des Lernens und der Entwicklung sich auch nicht gut anfühlen, vor allem nicht, während man noch drin steckt – und oft lässt sich erst mit einigem Abstand sagen, was man daraus gelernt hat, und wie man dieses Wissen und das Können auf andere Bereiche übertragen kann.

Die Lösungen sind fast alle schon da – sie sind nur woanders. Das ist ein Satz, den ich nicht erst seit der Pandemie häufig denke – wir versuchen oft verzweifelt, neue Lösungen für aktuelle Herausforderungen zu finden; und oft – nicht immer – gibt es funktionierende Lösungen oder Herangehensweisen, in anderen Bereichen oder anderen Ländern; vielleicht sogar in Bezug auf ganz andere Themen. Aber ein Teil der Antworten ist schon da draußen, und es hilft, sich anderswo umzuschauen. Wir müssen das Rad meist nicht neu erfinden, sondern einfach nur mit offenen Augen in andere Bereiche schauen, und uns wirklich dafür interessieren, was dort funktioniert, und wie wir diese Ideen und Konzepte adaptieren können.

The system isn’t broken, it was built this way. Das ist auch ein Satz, an dem ich viel herum denke –  viele Systeme, in denen es knirscht und knackt im Moment sind gar nicht kaputt, sondern sie waren von Beginn an nicht funktional – oder eben nur für manche Beteiligte. Natürlich ändern sich manche Dinge durch die Pandemie selbst – und dann wird es wichtig zu verstehen, dass man nicht nur an einer Stellschraube im System drehen kann, sondern immer auch an vielen weiteren Stellen, sonst passt hinterher nichts mehr zusammen. Andere Dinge waren als Prozess schon vorher nicht sinnvoll, und das wird durch die Krise verstärkt und wie mit einem sehr hellen Scheinwerfer ausgeleuchtet.

Never change a running system – aber wenn es gerade eh nicht läuft und sowieso einiges repariert werden muss, kann man einige Sachen besser und andere richtig großartig gestalten. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass in dieser Krise eine große Chance liegt, verschiedene Bereiche des öffentlichen Lebens, die Verwaltung, das Gesundheitssystem und das komplette Schulsystem komplett zu transformieren und zum Positiven zu verändern. In diesen Zwischenzeiten ist die Sehnsucht oft groß, so schnell wie möglich wieder zum alten Normalzustand zurück zu kehren – und dennoch war die Gelegenheit nie günstiger, die großen und wichtigen Veränderungen jetzt anzustoßen.

Sharing is caring. Ich fange einfach an und teile mein Wachsen, meine Lernprozesse, mein Wissen, meinen ganzen Werkzeugkasten – das ist meine Art, anderen Menschen etwas mit auf den Weg zu geben. Und da kann sich jede*r was aussuchen und wieder in den eigenen Werkzeugkasten stecken, wer weiß, wann das mal passt. Der nächste Moment, in dem man sich irgendwie verhalten oder eine sinnvolle Entscheidung treffen muss, kommt bestimmt.

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